Wer zum ersten Mal nach Thailand reist, betritt eine andere Welt. Exotische Klänge, tropisch bunte Blüten, strahlend weiße Marmorbuddhas in den Vorgärten und Menschen in fremdartiger Kleidung.

Immer mehr Senioren möchten dieses Urlaubsgefühl dauerhaft erleben und entscheiden sich für einen Langzeiturlaub oder sogar eine Auswanderung nach Thailand. Manche von Ihnen treffen diese schwerwiegende Entscheidung jedoch nicht selbst, sondern werden von Angehörigen nach Thailand gebracht.

Betreuung der Zukunft?

Auch Martin Woodtli gehörte zu ihnen. Er wollte seiner geliebten Mutter die, seiner Meinung nach, „mindere Pflege in trister Atmosphäre“ ersparen und gründete ein eigenes Alzheimerzentrum in Faham, nahe Chiang Mai. Die Idylle dort erinnert ein wenig an einen ruhigen deutschen Vorort. Kinder spielen auf der Straße Verstecken. Nachts schließt hier niemand seine Türen ab. Und doch ist alles anders als in Deutschland. Woodtli, dessen Heim den Namen Baan Kamlangchay („Betreuung des Herzens) trägt schwärmt von der Mentalität der Einheimischen. Hier würden alte Menschen noch geschätzt und liebevoll versorgt. Diese Ehrfurcht beziehe sich auch auf fremde Menschen. Wenn ein Angehöriger oder Betreuer in einem Restaurant die Toilette aufsuche, sei es üblich, dass der Kellner solange den Demenzkranken beaufsichtige.

Pflege rund um die Uhr

In Woodtlis Einrichtung leben zehn Patienten, die man hier respektvoll als ‚Gäste‘ bezeichnet. Sie werden von dreißig Pflegern betreut, die sich in drei Schichten rund um die Uhr um ihre Schützlinge kümmern. Eine thailändische Pflegerin, die auf einer Matte neben dem Bett eines Kranken schläft- auch das ist hier normal. Dafür erhält sie rund 200 Euro im Monat.

Doch nicht nur die Herzlichkeit der Einheimischen ist für Woodtli ein starkes Argument hier Pflege anzubieten. Auch das warme Klima und die vergleichsweise geringen Pflegekosten begeisterten ihn von Anfang an. Die Angehörigen erhalten zwar keinerlei staatliche Subventionen, zahlen aber dennoch nur etwa 2000 Euro im Monat für die rund um Versorgung (etwa halb so viel wie in Deutschland). Sprachliche Barrieren und fehlende Professionalität werden durch Menschlichkeit ausgeglichen. Kleine Massagen, Umarmungen und andere persönliche Zuwendungen sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Viele der Pflegerinnen werden auch zum Familienersatz für die Senioren, deren Angehörige weit weg in Deutschland leben.

Vorurteile und andere Herausforderungen

Wer seine Eltern oder Großeltern nach Thailand bringt, muss auch damit leben, dass Besuche aufgrund der hohen Reisekosten nur sporadisch möglich sind. Oft bringt gerade diese Tatsache mehr Schwierigkeiten als geahnt. Liselotte Mahler ist bereits über 80 und reist jedes Jahr für mehrere Monate nach Thailand, um dort ihren Mann zu besuchen. Das Pendeln zwischen den Kontinenten macht ihr gesundheitlich schwer zu schaffen und dennoch fragt sie sich häufig, ob sie genug für ihren Mann tut. Zuhause in Deutschland bekommt sie immer wieder den Vorwurf zu hören ihren Mann abgeschoben zu haben. Auch Martin Woodtli kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung. Fast trotzig wirft er die Frage auf, warum es moralisch in Ordnung sei, billige Pflegekräfte aus Osteuropa zu importieren und gleichzeitig Menschen zu verurteilen, die Pflege vor Ort in Thailand in Anspruch nehmen.

Um das Konfliktpotenzial zu verringern, lohnt es sich auf jeden Fall, sich schon frühzeitig mit Land und Leuten vertraut zu machen. Bei der Entscheidungsfindung kann zum Beispiel auch eine Überwinterung in Thailand helfen, um festzustellen, ob Heimweh oder gesundheitliche Einschränkungen auftreten.